Wendet euer Herz wieder dem Herrn zu, und dient ihm allein." – 1. Samuel 7,3

 

 

Der Monatsspruch für den diesjährigen März scheint so gar nicht originell zu sein – für den einen eine unrealistische oder unverständliche Provokation, für den anderen eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Aber Vorsicht, leicht gesagt und geglaubt ist nicht leicht getan. Nicht ohne Grund bitten wir in praktisch jedem Gottesdienst um die Vergebung unserer Sünden, mehr ahnend als genau wissend, dass wir mal wieder eine Woche herzlich ‚unvollkommen‘ waren. Gerade in die eher unaufgeregte, zum Nachdenken so gut geeignete Zeit zwischen zwei Hochfesten, Weihnachten und Ostern, die Fastenzeit inklusive, passt dieser Spruch hinein. Vielleicht finden wir zur Bescheidenheit und Nachdenklich wieder hin, auch näher hin zu Gott, unserem Herrn. Das ist – vielleicht tröstlicherweise – eine schon fast ewige Geschichte. Der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott – wir erinnern uns dunkel, da war doch was mit dem Apfel und kurz vor der Sintflut… Gott hat uns damals nicht verlassen. Und auch als er sein Volk erwählt hatte, beste Voraussetzung für eine andauernde Erfolgsgeschichte, lief eben nichts wirklich glatt.

 

Das Volk Israel hatte es in seiner 40-jährigen Wüstenwanderung mit einem mitteilsamen, sehr direkt agierenden Gott zu tun. Es gab nicht nur die Zeichen und Wunder, Gott offenbarte seinen Willen ganz klar in zwei Bünden, die er mit dem Volk im Lande Moab und am Berg Horeb schloss (Dtn 28,69). Am Ende dieser Wüstenzeit fragt er sogar sein Volk, ob es zu ihm gehören und seinen Willen befolgen wolle. Dabei war völlig klar, es ging um Segen oder Fluch," um Leben oder Tod. Anschließend nimmt das Volk Israel unter Josuas Führung das gelobte Land ein, lebt unter dem Segen Gottes, der gesunde Familien, reichhaltige Ernten und andauernden Frieden verheißt. Das wäre kurz vor einem richtigen ‚happy end‘. Weit gefehlt - Buch um Buch lesen wir die Geschichte eines Volkes, das von Götzendienst, Ungerechtigkeit und Korruption nicht lassen konnte. Es ist die Geschichte der Menschheit, der es nicht gelingt, Gottes Wort zu beherzigen und die immer wie- der der Sünde verfällt (Röm 3,10ff). Final schließlich stirbt unser Herr Jesus Christus am Kreuz, der Sohn Gottes, zur Vergebung unserer Sünden.

Zeit aufzuwachen also . Ist ja auch geschehen – seit zweitausend Jahren gibt es die heilige christliche Kirche, bemühen sich Christen weltweit, treu zu Gott zu stehen und nebenher die sie umgebende Gesellschaft zu verbessern. Wir reden über Seelsorge, über Bildung, über Barmherzigkeit gegenüber Hungernden und Kranken. Wir reden über die Bemühungen, Kriege zu vermeiden. Wir reden über mehr soziale Gerechtigkeit. Und, und…

 

Wir reden dabei auch über Fehler und Unzulänglichkeiten. Interessanterweise sind es die scheinbar allzumenschlichen Untugenden wie Gier, Neid, Rachsucht und Unnachgiebigkeit, die auch auf der globalen politischen Bühne für entsprechende Sünden sorgen. Nur ein Beispiel der letzten Wochen möge dies verdeutlichen. Der Brexit – ein europäisches Trauerspiel auf beiden Seiten und offenbar in mehreren Akten. Natürlich muss es einem Mitglied der EU möglich sein, selbige auch wieder zu verlassen. Die EU stand schließlich einmal für den Traum einer harmonischen europäischen Friedensordnung, nicht für ein Gefängnis. Einem sinnvoll organisierten Gemeinwesen muss man schlicht abverlangen, dass es schonende Exitprozeduren implementiert hat. Nichts dergleichen; statt dessen bürokratisches Gezänk mit einem Schuss Rachsucht. Wäre das UK nie Mitglied der EU geworden – sie hätten längst eine für beide Seiten vernünftige Zollunion, im Moment ein vermeintliches Unding. Auch unseren britischen Freunden hätte man etwas mehr Contenance und vielleicht – und wenn es nur einmal wäre – so etwas wie Geschlossenheit gewünscht. Die ignoranten Fehler, die auf beiden Seiten gemacht werden, fallen auf uns zurück und das wird weh tun.

 

Dennoch, mit etwas mehr Freundlichkeit und gutem Bemühen wäre noch viel zu retten. Mit mehr Vernunft und weniger kalter Berechnung – das hat das Christentumin die europäische Geschichte wesentlich eingebracht – ist gewiss auch dieses Problem zu lösen. Wie war das nochmal mit der anderen Wange?

Peinlich, dass so ganz menschliche Schwächen, wie sie uns aus dem Alltag bestens vertraut sind, Weltgeschichte schreiben können. Vielleicht müssen wir auch nochmal über uns nachdenken . Geben Sie die Hoffnung nicht auf.

Gesegnete Zeit. Gelassenheit. Gottvertrauen.

 

Prof. Dr. Michael Geisler