Liebe Gemeinde,

es fühlt sich dieses Mal anders an… Der Redaktionsschluss steht bevor, ich sitze jetzt Ende Oktober am Computer und die Andacht für den Lutherboten muss formuliert werden. Diese Andacht wird zu Beginn der Adventszeit veröffentlicht werden. Wie wird die Advents- und Weihnachtszeit in diesem Jahr 2020 werden? Während ich diese Zeilen schreibe, gehen wir auf den Lockdown light zu. Wenn ich in meinen Terminkalender sehe, finde ich viele Fragezeichen über Veranstaltungen, die ich seit vielen, vielen Jahren besuche oder auch mitgestalte. Manche sind sogar jetzt bereits abgesagt worden und der Platz im eigentlich übervollen Kalender des Monats Dezember ist leer.

 

Wie wird diese Zeit in diesem besonderen Jahr sein? Welche liebgewonnenen Traditionen werden uns durch die Adventszeit begleiten?

 

Auf jeden Fall der Adventskranz! Den Adventskranz gibt es noch gar nicht so lange. Er hat eine Geschichte. Vor etwas mehr als 150 Jahren lebte in Hamburg der evangelische Pfarrer Johann Hinrich Wichern. Er wurde von der Not vieler Kinder angerührt, die kein Zuhause hatten. Deshalb gründete er ein Waisenhaus. Die Kinder hatten dort ein Bett zum Schlafen, sie bekamen zu essen und lernten einen Beruf, mit dem sie Geld verdienen konnten und nicht mehr betteln mussten. An langen Winterabenden kam immer wieder die Frage auf: „Wie lange dauert es noch bis Weihnachten?“

 

Da kam Johann Hinrich Wichern auf eine geniale Idee: Er fertigte zunächst einen großen Holzkranz und befestigte auf ihm dünne rote Kerzen und vier dicke weiße Kerzen. An jedem Tag im Advent zündete er eine Kerze an: eine kleine rote Kerze an den Werktagen und eine dicke weiße Kerze an jedem Adventssonntag. So konnten die Kinder sehen, wie viele Tage es noch bis Weihnachten waren. Außerdem wurde es jeden Abend schon ein wenig heller im Raum. Der Adventskranz mit seinem wachsenden Licht erinnerte die Kinder daran, dass sie auf die Ankunft Jesu, dem Licht der Welt warten. Pfarrer Wichern hatte einen Freund, dem diese adventlichen Feiern ganz besonders gut gefielen. Er schmückte den Kranz zusätzlich mit grünen Tannenzweigen als Zeichen der Hoffnung. Hoffnung nicht nur in schönen, guten Zeiten im Leben. Hoffnung auch dann noch, wenn es schwer wird. So wie es im Monatsspruch für Dezember in Jesaja 58,7 heißt: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

 

 

Für die Kinder damals war das ganz deutlich spürbar: Statt auf der Straße waren sie in einem warmen Haus, hatten Essen, konnten lernen und es war jemand da, der sich um sie kümmerte.

 

Auch uns trägt heute dieses Symbol: Weil Gott mit seiner unendlichen Liebe für immer zu uns hält, brauchen wir in Pandemie-Zeiten nicht verzagen. Wir dürfen eine feste Hoffnung im Herzen tragen. Diese Hoffnung können wir uns gerade in der Adventszeit immer wieder neu schenken lassen. Dadurch erhalten wir vielleicht auch die Kraft, für andere ein wenig Licht zu sein: Im Gesangbuch finden wir ein Lied (420), das uns anregen will, diese Hoffnung weiterzugeben: „Brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus. Such mit den Fertigen ein Ziel, brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied.“

 

Das können wir getrost tun, weil diese Lebenshaltung Folgen hat. Jesaja formuliert sie mit folgenden Worten: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.“

 

Der Adventskranz kann uns aus seiner Entstehungsgeschichte heraus viel erzählen. Und es kann gut tun, ihn in diesem Sinne immer wieder in den kommenden Wochen zu betrachten. Lassen wir uns von ihm anstecken mit dem Licht und der Vorfreude auf die Geburt Jesu Christi.

 

Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen für die Advents- und Weihnachtszeit 2020.

 

Ihre Martina Wegner