„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“

Jeremia 29,7

(Monatsspruch, Oktober 2020)

 

Die Menschen, an die diese Worte ursprünglich gerichtet waren, befanden sich im Exil. Sie waren von König Nebukadnezar aus dem besiegten Jerusalem weggeführt worden. Nun lebten sie in Babylon und sehnten sich danach, zurückzukehren. An sie schrieb der Prophet Jeremia einen Brief, in dem er sie aufforderte, nicht auf eine baldige Rückkehr zu hoffen. Er kündigte an, dass es siebzig Jahre dauern werde, bis das Volk zurückkehren werde. Eine Zeitspanne, die die durchschnittliche Lebenserwartung der damaligen Zeit bei weitem überstieg.

 

Aber auch wenn Jeremia hier den Träumen der Menschen einen gewaltigen Dämpfer versetzt, ist dieser Brief keine Anleitung zum Resignieren oder zum Nichtstun. Im Gegenteil. Er fordert sie zum Handeln auf: Baut euch Häuser! Pflanzt Gärten! Schafft euch eine Zukunft in der Fremde! Macht das Beste aus eurer Situation!

 

Und Jeremia verlangt von seinen Glaubensgenossen, für die fremde, die feindliche Stadt einzutreten. Für sie das Beste zu suchen. Wenn man darüber nachdenkt, dann mutet er den Weggeführten hier einiges zu. Sie sollen sich für Menschen engagieren, gegen die sie gekämpft haben. Eine Gemeinschaft unterstützen, die sie aus ihrer Heimat herausgerissen hat. Und sie sollen darüber hinaus für diese Stadt beten. Fürbitte leisten.

 

Jeremia begründet seine Forderung mit einem Hinweis auf das eigene Wohlergehen: Wenn es der Stadt gut geht, wenn sie Frieden hat, dann werden auch die Weggeführten in Frieden leben können.

 

Ist diese Aufforderung und das darin geforderte Handeln also reiner Egoismus? Will Jeremia hier gleich eine Antwort auf die häufige Frage vorwegnehmen: Was bringt mir das? Was habe ich davon?

 

Ich denke, der Nachsatz ist vor allem eine Erinnerung an das, was wir zu leicht vergessen:

 

Wenn die Wirtschaft in meinem Land brummt und der Staat reichlich Steuergelder zur Verfügung hat, wenn die Menschen friedlich miteinander umgehen und Konflikte nicht mit Gewalt ausgetragen werden, dann ist das auch für mich gut. Wenn die Menschen aufeinander achten, Infektionsketten rechtzeitig unterbrochen werden, ein neuer kompletter Lockdown

vermieden werden kann, dann profitiere ich durchaus davon.

Eigentlich wissen wir das alle. Aber zwischen Wissen und Handeln ist häufig ein sehr großer Graben.

 

In den letzten Monaten hat Corona unser Leben verändert. Masken tragen, Abstand halten – all das gehört für uns inzwischen zum Alltag. Auch wir sind ein bisschen wie die Adressaten von Jeremias‘ Brief: Herausgerissen aus unserem alten Alltag, herausgefordert von einer neuen Realität. Und auch für uns gelten die Worte: Schaut nicht nur auf euch, sondern denkt langfristig und an die anderen!

 

Als Christen sollen wir den Nächsten im Blick haben. Und unsere Nächsten, das sind eben nicht nur die Menschen, die wir gut kennen oder die wir mögen.

 

Jeremia fordert die Exilierten dazu auf, für die Fremden, die Feinde einzutreten. Mit der Tat und vor allem auch mit dem Gebet.

 

Wenn ich für jemanden bete, dann bringe ich ihn und seine Probleme vor Gott. Ich stelle mich an seine Seite, setze mich bei Gott für ihn ein. Und im Gebet mache ich mir bewusst: Die eigenen, menschlichen Kräfte sind begrenzt. Die Kraft Gottes dagegen nicht. Das entlastet und befreit.

 

Auch für Martin Luther war die Fürbitte für andere etwas ganz Wichtiges im Leben eines Christen:

 

„Findet eine Heilige Messe im prunkvollen Dom statt, fehlt aber das Fürbitten, so ist dieser Gottesdienst nur eine Kloake; feiert man die Messe dagegen im stinkenden Schweinestall und betet dabei innig für seine Mitmenschen, so ist es der schönste Gottesdienst.“

 

Darum: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!

 

Ihr Cornelia Flach